Vortrag Prof. Dr. Brockhaus

Christoph Brockhaus

Dani Karavan: 25 Jahre „Museumsplatz Ma`alot“

Kurzvortrag zur Feier im Café Ludwig, Museum Ludwig, Köln, 19.9.2011

 

SichzurWehrzusetzen,sichaufzulehnendarfnatürlichnichtbeim

NachdenkenoderBenennenaufhören,sondernmussinAktionmünden.

Stéphane Hessel, Engagiert Euch!, Berlin 2011, S. 10

 

Liebe Frau Haerlin und alle anderen Bürgerinnen und Bürger für Ma`alot,

lieber Dani Karavan,

sehr geehrter Herr Bürgermeister Wolf,

lieber Herr König,

meine sehr verehrten Damen und Herren!

 

Es sind zwei sehr gegensätzliche Anlässe, die uns heute dank der Initiative der Bürgerinnen und Bürger für Ma`alot zusammenführen: die große Bewunderung und gebührende Würdigung für Dani Karavans Museumsplatz Ma`alot 25 Jahre nach seiner Vollendung und die große Sorge um die Restaurierung und den Erhalt dieses einzigartigen Gesamtkunstwerks – des meist gesehenen Kunstwerks aus der Sammlung des Museums Ludwig und des bedeutendsten künstlerischen Platzes unserer Zeit in Deutschland! Um gleich noch einen weiteren Superlativ hinzufügen: die Initiative „BürgerInnen für Ma`alot“ ist die erste mir bekannte Bürgerbewegung in Deutschland, die sich zum Erhalt eines zeitgenössischen Werkes von Kunst im öffentlichen Raum gebildet hat – dazu möchte ich mit voller Bewunderung gratulieren!

Die Schwierigkeiten, die sich in der Vergangenheit um Fragen der Restaurierung, der Pflege und des Erhalts von Ma àlot gezeigt haben, lassen es sinnvoll und notwendig erscheinen, dass ich mich in meinem Kurzvortrag auf zwei Fragen konzentriere: Warum ist dieser Museumsplatz als Ganzes ein Kunstwerk und warum fällt es so schwer, einem Platz als Kunstwerk im öffentlichen Raum die ihm gebührende Pflege angedeihen zu lassen? Bevor ich auf diese Fragen eingehe, erlauben Sie mir jedoch einige Vorbemerkungen.

Als Dani Karavan seine Zusammenarbeit für Ma`alot mit den Architekten Busmann und Haberer, vielen anderen Fachleuten sowie mir als Kurator und Sonderbeauftragter für den Museumsneubau im Jahre 1979 begann, war er in internationalen Kunstkreisen zwar schon ein Begriff, aber noch nicht der Künstler von Weltrang, den er heute darstellt.

Dani Karavan ist in jeder Beziehung ein exzeptioneller Künstler. Wie kein anderer Bildhauer unserer Zeit arbeitet er ausschließlich im Auftrag, in erster Linie für zumeist permanente, aber auch temporäre Projekte für den öffentlichen Raum. Als engagierter Demokrat stellt er sich uneingeschränkt der Öffentlichkeit, selten nur der begrenzten Öffentlichkeit der Museumswelt. Diese Haltung hat sein Leben geprägt. Mit ihr entzog er sich dem Kunstmarkt und seinen Gesetzen, was bis heute kein leichter Weg gewesen ist.

Mit unermüdlicher Energie und einem kleinsten Stab an Mitarbeitern hat er seine Projekte weltweit, oftmals gegen zahlreiche Widerstände realisiert und höchste Anerkennungen erfahren: in Israel, seiner Heimat, in Südkorea und vielen Orten Japans, in verschiedenen Ländern Nord-, West- und Südeuropas, und mehrfach auch in Deutschland: im Anschluß an Köln entstanden permanente Werke in Düsseldorf und Duisburg, Nürnberg, Regensburg und Berlin. Zu seinen vielen Ehrungen weltweit, darunter der „japanische Nobelpreis“ Premium Imperiale, gehören allein in Deutschland der Goslarer Kaisermünzenpreis, der große Piepenbrock-Preis für Skulptur und die Mitgliedschaft im Orden Pour le merite.

Was Dani Karavans Kunst in besonderem Maße auszeichnet, ist dies: er ist einer der Begründer der heute selbstverständlichen „ortsbezogenen“ Kunst; aber keiner seiner Zeitgenossen läßt sich so offen, so komplex und so vielseitig auf den zu gestaltenden Ort ein wie Dani Karavan. Seine Werke sind begehbar, auch benutzbar, was ihm nicht selten Fehlinterpretationen seiner Kunst eingebracht hat. In medialer Beziehung vielgestaltig, weil auf den Ort eingehend, vereint sich in seinem Werk eine minimalistisch-konzeptuelle Avantgarde mit überzeitlichen, universellen Aspekten, die sich aus seinem Gebrauch von Maßverhältnissen sowie geometrisch-abstrakten Gestaltformen und ihren Konnotationen ergibt. Auf der Basis eingehender Auseinandersetzungen mit verschiedenen Weltkulturen und getragen von einem zugleich politischen und humanistischen Impetus erreicht und begeistert Dani Karavan in seinen auf Kommunikation und Dialog angelegten Werken ein ganz erstaunlich breites Spektrum von Menschen unterschiedlichster Vorbildungen und Kulturen.

Vor diesem Hintergrund möchte ich, bevor ich später Dani Karavan und hoffentlich auch die Architekten Busmann und Haberer zu Worte kommen lasse, wenigstens einige Aspekte des Museumsplatzes Ma`alot ansprechen. Mir erscheint es noch heute fast wie ein Wunder, wie es dem Künstler gelungen ist, unter guten, aber auch den schwierigsten Voraussetzungen ein Meisterwerk zu schaffen, dem man die Mühen des Entstehungsprozesses in keinster Weise ansieht. Das Wunder von Ma`alot hat schon Thomas Wagner in einer Rezension der FAZ vom 18. März 1987 sehr treffend darin erkannt, dass hier eine „durchdachte Synthese von Architektur und Skulptur“ gelungen sei, „eine wohldosierte Mischung aus Stadtplanung und Environment“.

Die guten Voraussetzungen schufen in erster Linie die Architekten Busmann und Haberer: ihnen gelang es, einen internationalen Museumswettbewerb in ein städtebauliches Projekt von hervorragender Qualität mit großem Mut zu verwandeln und auch noch zu gewinnen, und sie haben die Souveränität und die Größe besessen, in einem kritischen Moment ihrer eigenen Planung von Museumsplatz und Rheingarten eine stets offene, kooperative und intensive Zusammenarbeit mit einem Künstler, den damals Karl Ruhrberg als Direktor des Museums Ludwig einlud, zu praktizieren. So kam Dani Karavan zu seinem Projekt in Köln.

Was den Künstler aber in hohem Maße belastete, war ein ganzes Bündel von Schwierigkeiten: die späte Berufung (der Bau war praktisch durchgeplant); die Geschichtsträchtigkeit des Ortes, bebaut seit den Römern; auch für ihn, nicht nur für die Architekten, die mächtige Gestalt des Domes; dazu kam die zögerliche Auftragserteilung, Budgetbegrenzung und Zeitdruck, die Mitsprache so vieler Personen und Institutionen, schließlich die geringe Bodenbelastung über dem Konzertsaal, die die plastischen Möglichkeiten erheblich einschränkte.

Und das Ergebnis? Von alledem ist nichts zu sehen und zu spüren, so selbstverständlich, integriert und eigenständig zugleich, präsentiert sich der Museumsplatz als Gesamtkunstwerk! Der Platz erscheint so einheitlich, rein und zugleich poetisch, als wäre er autonomer Planung erwachsen. Nichts erinnert an die vielen Zweifel und Veränderungen, die der Künstler an seinem Plastilinmodell in Paris vorgenommen, zuvor oft eingehend diskutiert hat.

Was zeichnet, so fragen wir weiter, diesen Platz als Kunstwerk in so besonderer Weise aus?

Auch hier kann ich nur kurze Hinweise geben: durch das dynamische Gefüge der Bodenlinien und durch die Bildung von Haupt-, Neben- und Diagonalachsen werden alle geometrisch-plastischen Elemente, die sich stufenweise aus der Grundfläche erheben, trotz der Gegensätzlichkeit der Materialien von rotem Ziegel, grauem Granit und Gußeisen in eine ausbalancierte Spannung gebracht.

Alle Maßverhältnisse beruhen auf den architektonischen Reihen der Museumsarchitektur, mit 30 – 60 – 90 – 180 cm oder mit 45 – 90 – 180 cm, also dem Maß des Menschen, dazu Winkeln von 45 Grad, ebenfalls aus der Museumsarchitektur abgeleitet.

Der Ziegelstein verbindet sich mit den Sockelgeschossen der Museumsgebäude, die auf geradezu geniale Weise die Sicht auf den Domchor freihalten, der sardische Granit schließt an die Domplatte an und die gußeisernen Elemente beziehen sich auf Bahnkörper und Rheinbrücke. Aus diesen Bindungen an Ort, Geschichte und Gegenwart erwuchsen Dani Karavan nicht Zwänge, er nutzte sie in freier Gestaltung und reduzierte die Formen im Verlauf des Prozesses in einem Maße, dass sich umgekehrt Erinnerungs- und Assoziationsmöglichkeiten potenzieren.

Die beiden Hauptachsen, zum einen von der quadratischen Eisenplatte zum 10,80 m hohen Stufenelement, zum anderen zum schalenförmigen Tiefpunkt am Ende des Treppenabgangs führend, fassen den Platz in West-Ost-Ausrichtung; über die Diagonale werden die dominanten plastischen Elemente von getrepptem und begehbarem Turm sowie runder Plattform miteinander verbunden, und zu den Gebäuden wie zum Rheingarten vermitteln die begrünte Böschung vor dem Restaurierungsgebäude und die abgestufte Pyramide vor dem Hauptgebäude, jeweils bestückt mit Bäumen als weiterem Material des Kunstwerks. Soviel in aller Kürze zum Werkverständnis.

Woher aber rühren dann die Probleme im Umgang mit diesem Platz als Kunstwerk? Ich vermute: Hätten wir insgesamt ein besseres Verhältnis zur Kunst im öffentlichen Raum und besäßen mehr Qualitätssinn für Platzgestaltungen in allen unseren Städten, dann würden wir auch diesen Platz als Kunstwerk professionell koordiniert und kompetenter pflegen, würden wir die Bodenfläche dieser plastischen Komposition nicht als profane Verkehrsfläche missverstehen und missbrauchen, wie in der Vergangenheit vielfach geschehen. Vielleicht hilft ein Vergleich zum besseren Verständnis: würden wir die Bodenfläche von Ma`alot als aktualisierte Form des historischen Mosaiks begreifen, wovon Köln ja die schönsten Beispiele aus der Römerzeit gleich nebenan besitzt, befände sich der Platz heute vielleicht in einem besseren Zustand. Deutlich sollte bei meiner Charakterisierung des Museumsplatzes vor allem werden, dass jedes Element ein notwendiger Teil eines Gesamtkunstwerks ist, dem – wie jedem Kunstwerk – weder etwas hinzu zu fügen noch zu nehmen ist. Dazu gehört eben auch die gegliederte und rhythmisierte Ziegelsteinfläche als komponierte (und verwundbare) Grundlage eines stufenweise aus Ebene und Neigung aufsteigenden Bodenreliefs!

Es ist eben kein Widerspruch, dass dieser Platz sowohl funktionale als auch künstlerische Aufgaben beinhaltet. Hier decken sich nämlich die immer wieder postulierten Gegensätze von Kunst und Funktion. Dani Karavan hat erfüllt, was er sich hier zum Ziel gesetzt hat. Er schrieb schon im Jahr der Vollendung seines Museumsplatzes: “Mein Ziel war ein Platz, der als Platz ein Kunstwerk ist, ein Environment: ein Treffpunkt der Richtungen West – Ost, Nordost – Südwest und Nord-Süd, eine Verbindung von Materialien, Formen, Ausblicken, Erinnerungen, Assoziationen, ein Platz für Menschen zum Schauen, zum Durchgehen, zum Verweilen“ – und „Verweilen“ heißt auch: ein Platz für kulturelle Veranstaltungen, wie wir es heute Abend so bereichernd durch die Performance-Gruppe von Yael Karavan erlebt haben.

Wie immer, findet Dani Karavan den Titel seiner Werke zuletzt, und wie nicht selten greift er auch hier, ausgehend von den dominanten Formen seiner Gestaltung, mit Ma`alot zu einem vieldeutigen biblischen Begriff – nicht aus religiöser Motivation heraus, sondern aus Liebe zur Poesie dieser Sprache, die gedankliche Perspektiven eröffnet, dem Feld der Erinnerungen und Assoziationen Maßstäbe verleiht und für alle Kulturen wesentliche menschliche Haltungen anspricht. So stecken im Titel Ma`alot nicht nur der Psalmbegriff für Aufstiegsgesang, sondern auch Variationen von Stufen und Stufungen, die in wachsende Höhen verweisen und das gesamte Kunstwerk in vielfacher Ausformung prägen, sowie positive menschliche Eigenschaften wie Tugenden und Charakter.

Seit dem Maitreffen dieses Jahres zwischen Künstler, Initiative und Stadt wegen des desolaten Zustands von Ma àlot geht es erstmals, wenn auch langsam, auf- und vorwärts; vieles bleibt noch zu tun. Der Initiative „BürgerInnen für Ma àlot“ wünsche ich von ganzem Herzen Erfolg bei allen Bemühungen um die Restaurierung, den langfristigen Erhalt und die notwendige Vermittlung dieses wunderbaren Kunstwerks!